Warte nur, bis Amazon kommt

amazon_logosAmazon baut im Großraum München zwei neue Logistikzentren – kommt jetzt Amazon fresh? Diese Frage stellt sich die E-Food-Szene fast reflexartig, wenn von Amazon die Rede ist. Fakt ist: Nicht nur in Deutschland, sondern auch in allen anderen Ländern der Welt ist die Frage nach dem „Real Big Player“ im E-Food-Markt noch nicht beantwortet. Und Fakt ist auch: Der stärkste Wettbewerber ist noch gar nicht am Start. Wie bitte? Amazon soll der stärkste Wettbewerber im E-Food-Segment sein? Zugegeben, die ersten Gehversuche von Amazon im E-Food-Bereich sahen eher wenig dynamisch aus. Und sicher ist das Lebensmittelgeschäft mit seinen verderblichen Waren und geringen Margen ein Bereich, in dem Amazon bislang nicht wirklich viel Erfahrung hat. Es gibt aber einige gute Argumente, warum der Riese aus Seattle das E-Food-Geschäft mittelfristig ganz kräftig aufmischen wird.

Amazon punktet gleich fünf mal

  1. Größe
    Amazon ist mit Abstand die größte Internethandelsplattform der Welt. Fachleute schätzen, dass in Deutschland rund ein Viertel der Online-Umsätze direkt bei Amazon anfallen. Da auf der Plattform aber auch Händler auf eigene Rechnung anbieten, gehen die Schätzungen dahin, dass über die Plattform Amazon rund die Hälfte der gesamten Online-Einkäufe in Deutschland abgewickelt werden. Die Hälfte! Auf einer einzigen Plattform! Übrigens: 30% aller Produktsuchen werden bereits direkt über Amazon getätigt – und nicht mehr über Google.
  1. Kunden – und deren Daten
    Amazon hat bereits eine enorme Kundenbasis – und weiß recht genau, was der Kunde will. Das Kapital besteht vor allem aus den abermillionen Kundendaten, aber auch darin, dass Amazon eine Plattform für alles ist: Bücher und CDs sowieso, Unterhaltungselektronik, so ziemlich alle Alltagswaren, Gebrauchtes, Filme (Streaming), Cloud-Dienste – und bald eben auch Lebensmittel. Warum sollte man noch woanderes einkaufen? „Amazon ist ein Ökosystem, das mehrere Kreisläufe umfasst und punktuell miteinander verbindet“, schreiben Berngruber, Fost und Hotz in ihrem empfehlenswerten E-Book „Knut und die Amazonen (pdf)“. Und zur Kundenbindung gibt es Amazon Prime – in den USA mit immerhin 41 Millionen Teilnehmern.
  1. Geld
    Amazon verbucht bei einem Umsatz von knapp 90 Milliarden Dollar kaum Gewinne, sonder reinvestiert sämtliche Überschüsse. Alles Geld fließt in Wachstum, Optimierung sowie Forschung und Entwicklung. Allein 10 Milliarden Dollar Barreserven soll der Konzern halten. Kurz und gut: Amazon hat genug Geld, um gute Konzepte zu erproben und umzusetzen.
  1. Try-and-Error-Kultur
    Die Diversifizierung steckt in der DNA des Riesen, der längst mehr als ein Handelsunternehmen ist (ein Blick auf die Logo-Sammlung am Anfang des Artikels genügt). Weil das Geschäft mit Lebensmitteln schwierig ist, experimentiert Amazon. Ist Same-Day-Delivery der Schlüssel? Das wird mit Prime Now getestet. Will der Kunde seine Ware selbst abholen? Das sollte mit Amazon flex getestet werden – doch der Versuch wurde noch vor dem Start eingestellt. Ist vielleicht die Anlieferung aus dem nächsten Restaurant das große Geschäft? Auch das wird getestet. Ist der Kunde bereit, für einen besonders schnellen Lebensmittelservice 200 Dollar im Jahr zu zahlen? Da ist sich Amazon nicht so sicher, denn noch werden die 200 Euro (zuzüglich zu den Gebühren für Prime) anscheinend nicht berechnet. Getestet wird im Übrigen stets in großen Ballungsräumen.
  1. König Kunde
    Oberste Maxime von Amazon ist die Kundenzufriedenheit. Das behauptet zwar so ziemlich jeder Händler, aber Amazon zeigt auch wie es geht: optimierte Internetplattform, minimale Preise (die sich on the long run über die Menge ergeben), schnellstmögliche Lieferung. Bei Lebensmittel bedeutet schnellstmöglich: am selben Tag oder am Tag drauf. In diese Richtung arbeitet Amazon.

Zu den letzten drei Punkten lohnt es, sich an einen Spruch von Amazon-Chef Jeff Bezos zu erinnern: „Bei Amazon haben wir immer an drei großen Ideen festgehalten: Den Kunden vor alles stellen. Etwas erfinden. Geduld haben. “

Nun wird orakelt…

Im Großraum München baut Amazon also zwei neue Logistik-Zentren. Kommt damit Amazon fresh? Nein. Die neuen Zentren werden hauptsächlich dem Ausbau von Prime Now dienen. Einen echten Markteintritt ins deutsche E-Food-Geschäft dürfte Amazon noch nicht planen. Der Konzern will zunächst Strategien ausprobieren. Um den E-Food-Markt zu testen gibt es bessere Terrains als Deutschland: Amazon fresh, so berichtet die Presse, soll wohl demnächst in London starten – ein Ballungsraum mit viel Kaufkraft und vielen E-Food-Mitbewerbern.

 

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