Roeb: „Noch werden nur Verluste erwirtschaftet“

roeb_thomasProf. Dr. Thomas Roeb, Professor für BWL an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, sieht in E-Food im Moment noch kein lohnenswertes Geschäftsmodell. Selbst in Großbritannien, der Schweiz und bei Amazon sei das Geschäft nicht wirklich rentabel.

Herr Professor Roeb, Ihrer Meinung nach haben Unternehmen mit Lebensmittelhandel im Internet nirgends wirklich Erfolg. Nicht einmal die angeblich erfolgreiche Tesco in Großbritannien?
Kein Lebensmitteleinzelhändler publiziert klare Angaben zum Gewinn im Bereich E-Commerce – auch Tesco nicht. Allerdings sprechen die Signale aus der Branche dafür, dass zumindest in Deutschland Verluste erwirtschaftet werden. Aber selbst in Großbritannien, wo Tesco im E-Commerce Gewinne erwirtschaftet haben mag, waren diese Gewinne zu klein, um die Krise des Unternehmens zu verhindern.

In der Schweiz und in Frankreich scheint E-Food aber ein Erfolg zu sein, oder nicht?
Die Schweiz ist ein ähnlicher Fall wie Großbritannien. Hier wäre zu klären, ob dem E-Commerce wirklich alle relevanten Kosten zugeschlüsselt werden. In Frankreich ist nicht E-Commerce als solcher erfolgreich, sondern der sogenannte Drive-In, ein Konzept, bei dem der Händler nur das Picking in der bereits vorhandenen Verkaufsstelle übernimmt, der Kunde aber immer noch selbst abholt.

Woran liegt diese Erfolgslosigkeit?
Letztlich scheitern alle Ansätze vor allem daran, dass es nicht gelingt, die Preise niedrig genug zu halten, um eine ausreichend große Nachfrage zu generieren.

Sie beurteilen nicht nur den E-Food-Bereich negativ, sondern auch die Bereiche Fashion und Elektro. Aber gerade Amazon zeigt doch, dass es funktioniert.
Bücher sind ein Sonderfall, weil es hier eine besonders große Auswahl gibt, die der stationäre Handel einfach nicht vorhalten kann. E-Commerce hat hier einfach einen Vorsprung. Fashion und Elektro profitieren ebenfalls von der Vielfalt des Angebotes, die der stationäre Handel nicht nachvollziehen kann. Gleichzeitig hat E-Commerce aber den Nachteil, dass der Kunde das Kaufobjekt nicht ausprobieren kann. Entsprechend hoch sind die Retouren. Deshalb ist unklar, ob selbst in diesen Branchen die Händler wirtschaftlich erfolgreich sind.

Der Lebensmitteleinzelhandel ist recht spät und noch immer recht zögernd ins E-Food-Geschäft eingestiegen Woran liegt das?
Das Zögern erklärt sich aus den hohen Anlaufverlusten. Manchmal ist es besser zu warten, bis der Markt d.h. die Nachfrage sich wirklich entwickelt hat.

Haben die großen Player Ihrer Meinung nach überhaupt eine Strategie im Online-Handel?
Wenn man unter Strategie einen konsequent umgesetzten Plan zur Erreichung eines vorab fixierten Ziels versteht, haben wohl die wenigsten eine echte Strategie. Allerdings ist das angesichts der hohen Verluste und eher geringen Nachfrage auch verständlich. Umso interessanter ist es, dass sich fast alle Händler mit dem Thema E-Commerce überhaupt beschäftigen. Sie lassen also sozusagen „die Motoren warmlaufen“, um dann sofort durchstarten zu können. Das zumindest erscheint mir als sehr sinnvolle Strategie.

Auch dem kapitalstarken Handelsriesen Amazon prognostizieren Sie keine große Zukunft im E-Food-Bereich. Warum nicht?
Das Kapital von Amazon ist nicht besonders groß im Vergleich zu den künftigen Wettbewerbern. Vor allem aber ist die Logistik nicht für Food geeignet. Im Gegenteil: Die Food-Logistik ist speziell dann, wenn es um Frische geht, besonders schwierig zu meistern. Außerdem fehlt Amazon jede Kompetenz und auch Macht im Einkauf.

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